Leuther Mühle

Die Leuther Mühle – Ein bedeutendes technisches Kulturdenkmal der frühen Neuzeit

Leuther Mühle

Zur Beschreibung der Leuther Mühle als technisches Kulturdenkmal gehört ebenso die Geschichte des Amtes Krickenbeck wie auch die Entwicklung des historischen Umfeldes.

Zur Vorgeschichte
Der gegenwärtige Standort der Leuther Mühle ist nicht identisch mit einer urkundlich bereits 1419 erwähnten Mühle gleichen Namens. Diese lag tief in dem heutigen Naturschutzgebiet der Secretis und des Bereiches Tüschen Möles.

Das die Mühle umgebende Gebiet gehörte zum Dorf Leuth im Amte Krickenbeck als Teil des Herzogtums Geldern. Im Frieden von Venlo am 09. September 1543 setzte der deutsche Kaiser Karl V., „in dessen Reich die Sonne nicht unterging“, in der Heide zwischen Leuth und Venlo, nahe dem Gasthuyshof, Schwanenhaus und Branderhof, im Gebiet des heutigen Grenzüberganges, den Anschluß seines burgundischen Erbes, nämlich das Herzogtum Geldern, an das spanisch-habsburgische Deutsche Reich durch.

Handel und Wandel wurden über Venlo und Maas mit dem oberen Maastal und Holland abgewickelt. Der ständig steigende Bedarf der Bevölkerung und der Ostasien- und Kolonialschiffahrt Hollands hatte Venlo zu einer bedeutenden Handels- und Hafenstadt aufsteigen lassen. Da Venlo zum Amte Krickenbeck gehörte, erhielten die Bewohner für ihre Produkte dort gute Preise und erfreuten sich eines annehmbaren Wohlstandes. Man leistete sich als Brennmaterial Steinkohle, die aus den Tagebauvorkommen bei Maastricht und Lüttich kamen. Dieser wirtschaftliche Wohlstand endete abrupt mit dem Frieden von Utrecht am 11. April 1713.

Wirtschaftliche Not und Torfabbau
Das Herzogtum Geldern wurde aufgelöst, das Amt Krickenbeck kam zu Preußen, die Stadt Venlo zu Holland. Innerhalb weniger Tage brach der in eintausendachthundert Jahren gewachsene Handel zusammen. Es war der 50. Regierungstag des jungen Königs von Preußen, Friedrich Wilhelm I., den man später den Soldatenkönig nannte. Der junge König hatte von seinem Vater Friedrich I., der aus Berlin ein preußisches Versailles machen wollte, ein völlig ruiniertes Land – Preußen, Berlin und Brandenburg – übernommen. Zur wirtschaftlichen Sanierung hatte er rigorose und allgemeine Ex- und Importverbote erlassen, insbesondere aber den Import und Verbrauch von Steinkohle untersagt. Auf königlichen Befehl hatte die Bevölkerung Torf als Heizmaterial zu brennen. Wenige Tage nach Ankunft der preußischen Verwaltung wurden diese Gesetze ohne Rücksicht auf die hiesigen Verhältnisse eingeführt, Venlo von Sergeanten als Zöllner umstellt und jeder Handel und Wandel abgewürgt.

Jetzt hatte auch die Bevölkerung unseres Gebietes Torf als Heizmaterial abzubauen. Dieser war bisher nur in geringem Maße als Winterstreu für die Ställe des Viehes gebraucht worden, um genügend Dünger für die Acker zu erhalten. Zu diesem Zeitpunkt gab es in den Nettemooren zwar einige „Blankwater“, die Netteseen waren jedoch noch nicht vorhanden.

Die Bevölkerung begann mit dem Stechen von Torf nicht nur für den Eigenbedarf, sondern auch zum Verkauf. Es wurde sogar eine Torfsteuer erhoben, wie aus den kürzlich aufgefundenen preußischen Steuerakten hervorgeht.

Überschwemmungen und Wasserbau
Die intensive Austorfung hatte schon bald das Land verändert Durch den Abbau unterblieb dessen regulierende Wirkung der Wasserstände – mit unangenehmen Folgen. Bei Unwetter schossen nun die aus dem 157 qkm großen Einzugsgebiet der Nette aufkommenden Wassermassen flußabwärts zur Niers und verursachten dort bis nach Geldern große Überschwemmungen.

Der junge preußische König Friedrich Wilhelm I. sah sich bereits 1714 genötigt, niederländische Wasserbau- und Mühleningenieure zur Vermeidung dieser Überschwemmungen ins Land zu holen. Man mußte versuchen, die Nette zu regulieren.

Am Ausgang des Wittsees muß sich damals ein Lehmkatarrakt gebildet haben, durch den die aus dem höher gelegenen Wittseebereich kommenden Wasser mit großer Wucht zu Tal schossen. Dieser Bereich heißt heute noch im Volksmund „Dat Duevels Loak“, das Teufelsloch. Man mußte also die Nette höher legen, um die Wassermassen zu bändigen. Hierzu bot sich ganz natürlich der Rand der geologischen Verwerfung an, die durch das Abdriften der Venloer Scholle vom Krefelder Gewölbe entstanden war. Die Wasser- und Mühlenbautechnici nutzten diesen Umstand, die Wasser der Nette zu der am Kanalende erbauten Mühle zu führen.

Der Bau der Leuther Mühle
Der Wasser- und Mühlenbau begann etwa 1714; die Gesamtanlage wurde um 1734 fertiggestellt. Der Torfabbau endete 1749.

Durch diese intensive Austorfung muß das Umfeld damals sehr verwüstet gewesen sein. Es war der Sohn des Soldatenkönigs, der als Friedrich der Große in die Geschichte eingegangen ist und im Tagesbefehl Nr. 62 von 1752 anordnete, daß das gesamte Gebiet mit Eichen zu bepflanzen sei, und der Ertrag dieser Eichen der preußischen Domänenkammer zuzukommen habe. Der Tagesbefehl Nr. 62 ist im Original erhalten; wie Holzfachleute versichern, dürfte das Pflanzdatum der älteren Eichen um Krickenbeck in diese Zeit fallen.

Kaum eine technische Anlage des ausgehenden Mittelalters, wie die Leuther Mühle sie beherbergt, ist in dieser Unversehrtheit mit ihrem Umland erhalten geblieben. Die Mühle birgt in ihrem Inneren das technische Mahlwerk der rechtwinkligen Umleitung einer Kraft in Holz ohne eine zusätzliche Metallverstärkung nach dem Stand der Mühlenbautechnik des 16./17. Jahrhunderts, der Hochblüte des niederländischen Mühlenbaues.

Leonardo da Vinci, der große Maler und Konstrukteur, zeichnet dieses System 1489 in Florenz. Um 1500 berechnet der Baseler Mathematiker Bauerle die Zahnräder der Entwürfe von Leonardo da Vinci. Um 1501 übernimmt der flämische Technicus Stevin aus Brügge das System Leonardo da Vinci/Bauerle und begründet den niederländischen Mühlenbau.

Der Bau von Wassermühlen wurde in den Niederlanden perfektioniert. Das Zentrum des Mühlenbaues für Wasser und Wind sowie Kanalbau war die Schule in Utrecht. Es bildete sich die strenge Zunft der niederländischen Mühlenbauer. Ausbildung und Leistung erreichten hohe Grade.

Bauliche Einzelheiten der Leuther Mühle
1734 wurde die Mühlenanlage und das Mühlengebäude der Leuther Mühle fertiggestellt. Die Anlage war für die damalige Zeit ungewöhnlich gut ökonomisch abgestimmt. Es ergänzten sich Mühle und Landwirtschaft, Fischfang und Gastwirtschaft.

Das Wasser der Nette treibt unterschlägig über das große Mühlrad ein großes Kammrad und das wuchtige Königsrad, das auf einem handgeschmiedeten Eisenzapfen läuft. Mittels einer einfachen Schaltung konnte 1. ein Gebläse zur Reinigung des Getreides, 2. ein Quetschgang oder 3. der Mehlgang je nach Bedarf betrieben werden.

Hinzu kommt der gewaltige Kollergang der Ölmühle für Raps und Flachs, der sich ebenfalls im besten Erhaltungszustand befindet. In diesem liefen die über 7.000 kg schweren Blaubasaltsteine zum Auspressen des ölhaltigen Samens. Diese Mühlsteine wurden über große Holzgetriebe, die mit einer gewaltigen, ca. 6 m langen, aus einem Eichenstamm gearbeiteten Achse verbunden sind, über kleine und große Zahnräder angetrieben.

Der Eichenstamm der Achse mußte zur Erlangung der Festigkeit vor der Bearbeitung mindestens 30 Jahre unter Wasser gelegen haben.

Der letzte Lauf der Ölmühle erfolgte im Jahr 1932 zur Herstellung von kaltgeschlagenem Leinöl zur Anwendung bei Mensch und Tier nach alten Hausrezepten.

Die Übersetzung des Mahlwerkantriebes ist so berechnet, daß sich der Mühlstein neunzigmal in der Minute dreht. Es wurde eine Mehlqualität aus Roggen gewonnen, die heute in dieser Güte nicht mehr erstellt werden kann.

Von 1734 bis 1923 lief die Mühle in wirtschaftlich einwandfreier Form.

Die letzten Jahre des Mühlenbetriebes
Durch andere Anforderungen an die Mehlqualität insbesondere und Änderung in der Fütterungsgewohnheit der Landwirtschaft sowie das Aufkommen der Großmühlen sank die Rendite, denn die Kapazität betrug wie seit 1734 zwanzig Tonnen im Monat. Man versuchte zwar mittels eines Elektromotors das Werk zu beschleunigen, doch der Versuch endete schon nach wenigen Minuten mit umfangreichen Reparaturen: die Holzzähne der Zahnräder waren gebrochen. Man mußte erkennen, daß das Holz der Mühle und ihre Konstruktion nur auf die Wasserkraft des Netteflusses berechnet und abgestimmt war.

Der Fischreichtum der Nette war gesegnet durch eine starke Aalwanderung. Köstliche große Aalportionen in vielen Arten der Zubereitung gab es in der Mühlengastwirtschaft. Der frisch gefangene Aal wurde auch preiswert verkauft und von den Bewohnern des Grenzlandes zu Hause zubereitet. In manchen Jahren soll die Aalwanderung so stark gewesen sein, daß die Bauern mit Mistgabeln die Fische aufgeladen haben und zu Viehfutter verarbeiten konnten. Aber lang, lang ist’s her… Um 1950 starb der Fischfang durch die Verschmutzung der Nette. Das ökonomische System der gesamten Mühlenbewirtschaftung war nachhaltig gestört. Der letzte Müller der Wackertapp-Mühle, der heutigen Leuther Mühle, wurde von der Zeit überrollt. Wir müssen heute der Müllerfamilie Wackertapp danken, daß sie trotz großer Not das Mahlwerk erhielt und nichts an ihm veränderte. 1966 steht die Mühle nach einer Arbeitszeit von 232 Jahren still.

Hotel Restaurant Leuther Mühle
1966 kaufte die kleine Gemeinde Leuth die Mühle. Sie fand jedoch keinen deutschen Interessenten, der bereit gewesen wäre, die Mühle zu restaurieren. 1969 kaufte der niederländische Hotelier Charles Hofman die Mühle. Er hatte großes persönliches Interesse an dem Objekt und restaurierte das Haus und die Mechanik in dreijähriger Arbeit.

1981 erwarb die Familie Heinrich Lenßen die Leuther Mühle und führte sie bis ins Jahr 2004 zu einem Haus mit besonderer, eindrucksvoller Atmosphäre, das als 4 Sterne Hotel ausgewiesen war.

Die Leuther Mühle ist als technisches Kulturdenkmal erhalten geblieben und dient uns als Zeugnis für die Technik des Wassermühlenbaues der frühen Neuzeit. Die handwerkliche Kunst der Mühlenbauer und ihre Materialkenntnisse in der Auswahl der verschiedenen Holzqualitäten kommt noch heute in dem fast geräuschlosen Lauf der großen und kleinen Zahnräder – dem Wasserdruck entsprechend mal leise knarrend oder polternd – zu Gehör.

Die Gesamtanlage erregt die Bewunderung der Techniker aus aller Welt, die gern in die Leuther Mühle kommen, um die Leistungen der Altvordern zu bewundern und zu würdigen.

Auf Initiative des Historischen und Museums-Vereines für das Maas- und Nettetal „Sablonibus“ e.V. mit Sitz in Nettetal-Leuth wurde am 06. Mai 1999 die Denkmalplakette des Landes Nordrhein-Westfalen überreicht. Die Plakette weist auf den bedeutenden technischen Kulturwert dieser Anlage hin. Durch diese Schrift wird Ihnen der geschichtliche Werdegang der Leuther Mühle und des historischen Umfeldes nähergebracht.

Derzeit (2016) wird die gesamte Anlage zu einem Seminarhaus (www.leuther-muehle.de) umgebaut.